Mark Twain über die europäische Küche

Mark Twain: Zu Fuß durch Europa (A Tramp Abroad) p. 429 – 431

“Das einfachste und gewöhnlichste Frühstück des Durchschnittsamerikaners besteht aus Kaffee und Steak. Nun, Kaffee ist in Europa ein unbekanntes Getränk. Man kann das bekommen, was der europäische Hotelier für Kaffee hält, aber es ähnelt wirklichem Kaffee ungefähr so, wie Heuchelei der Heiligkeit ähnelt. Es ist ein schwaches, charakterloses, zu keiner Begeisterung fähiges Zeug und fast so untrinkbar, als habe man es in einem amerikanischen Hotel gebraut. Die dazu servierte Milch ist von der Sorte, die man in Frankreich »christliche« Milch nennt — Milch, die getauft ist.

Nach mehrmonatiger Bekanntschaft mit europäischem »Kaffee« spürt man, wie die geistigen Kräfte abnehmen und mit ihnen der Glaube, und man beginnt sich zu fragen, ob das starke, duftende Getränk zu Hause mit seiner klumpigen Schicht gelber Sahne obenauf nicht doch vielleicht nur ein Traum war und in Wirklichkeit nie existierte.

Dann kommt das europäische Brot — nicht schlecht, auf seine Art sogar ganz gut, aber kalt; kalt und zäh und unsympathisch;
und nie einmal was anderes, nie ein bißchen Abwechslung — immer dasselbe langweilige Zeug.

Dann die Butter — die vorgeblich geschmacklose Butter; kein Salz darin, und weiß der Himmel, woraus sie gemacht wird.

Dann ist da das Steak. Das gibt es in Europa, aber sie wissen nicht wie man es zubereitet. Und sie schneiden es einfach nicht richtig. Es kommt in einer kleinen, runden, flachen Zinnschüssel auf den Tisch. Es liegt mitten in dieser Schüssel in einem einfassenden Beet aus fettdurchtränkten Kartoffeln; es hat die Größe, Form und Dicke einer Männerhand, von der Daumen und Finger abgeschnitten wurden. Es ist ein bißchen zu sehr durchgebraten, es ist ziemlich trocken, es schmeckt sehr fade, es weckt keine Begeisterung. Man stelle sich den armen Verbannten vor, wie er dieses stumpfsinnige Ding betrachtet; und man stelle sich einen Engel vor, der plötzlich aus einem besseren Land dahergeflogen kommt und ihm ein mächtiges zwei Finger dickes Porterhouse-Steak vorsetzt — heiß und brutzelnd aus der Pfanne, mit duftendem Pfeffer überstäubt, durch kleine Stückchen schmelzender Butter von der allertadelfreiesten Frische und Echtheit bereichert — die kostbaren Fleischsäfte tropfen heraus und mischen sich unter die mit Pilzen archipelierte Soße; ein oder zwei Ortschaften gelblichen Fetts schmücken die Randbezirke dieses weitläufigen Landkreises aus Steak; der lange weiße Knochen, der das Lendenstück vom Nierenstück scheidet, befindet sich noch an Ort und Stelle. Und man stelle sich vor, daß der Engel auch noch eine große Tasse mit amerikanischem hausgemachtem Kaffee dazusetzt, auf dem die Sahne schäumt, sodann richtige feste, gelbe, frische Butter, ein paar Scheiben dampfend heißen Toasts, einen Teller mit heißem Buchweizenkuchen und durchsichtigem Syrup darauf — könnten Worte die Dankbarkeit dieses Verbannten beschreiben?

Das europäische Mittagessen ist besser als das europäische Frühstück, aber es hat ebenfalls seine Fehler und Unzulänglichkeiten; es macht nicht satt. Man setzt sich begierig und hungrig zu Tisch; man löffelt seine Suppe — irgendwo scheint ihr etwas Undefinier¬bares zu fehlen; man glaubt, der Fisch werde sich als das heraus¬stellen, worauf man aus ist — man ißt ihn und ist nicht ganz sicher; man glaubt, der nächste Gang werde der sein, der die hungrige Stelle trifft — man nimmt davon und wird gewahr, daß auch ihm irgendwo etwas fehlte. Und so jagt man weiter von Gang zu Gang wie ein Knabe, der hinter einem Schmetterling her ist, der bei jedem Auffliegen fast gefangen wird, aber letztlich und endlich doch entwischt; und zum Schluß ist es dem Verbannten und dem Knaben ungefähr gleich ergangen — der eine ist voll¬gestopft, aber kummervoll ungesättigt, der andere hat reichlich Bewegung, allerhand interessante Aussichten und lauter schöne Hoffnungen gehabt, aber einen Schmetterling hat er nicht gefangen.

Es gibt hier und da einen Amerikaner, der behaupten wird, er könne sich erinnern, daß er einmal vollkommen gesättigt von einer europäischen Table d’höte aufgestanden sei; aber wir dürfen nicht vergessen, daß es ebenfalls hier und da einen Amerikaner gibt, der lügt.

Die Zahl der Gänge ist ausreichend; aber es ist solch ein eintöniges Angebot reizloser Gange. Es ist eine fade, platte Ebene des Nichtschlechten und Nichtguten. Da ist nichts, was einen Akzent setzen würde. Wenn man den Hammel- oder Rinderbraten — einen großen, tüchtigen — auf den Tisch bringen und vor den Augen des Gastes zerlegen würde, so könnte man ihm vielleicht den rechten Ernst und einige Wirklichkeit verleihen; aber das ist nicht üblich — das bereits in Scheiben geschnittene Fleisch wird auf einer Schüssel herumgereicht, und folglich bleibt man vollkommen ruhig; es erregt einen nicht im geringsten. Dagegen nun ein mächtiger gebackener Truthahn — auf dem Rücken ausgestreckt — Hacken in die Höh’ — und der würzige Saft trieft aus den fetten Flanken … aber hier mache ich am besten Schluß, denn in Europa wüßte man einfach nicht, wie man ihn zubereiten sollte. Dort kann man nicht einmal ein Hühnchen anständig braten; und was das Tranchieren angeht, das machen sie mit dem Hackbeil.

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